Thomas Krüger
Präsident der bpb
»In diesen Tagen erschallt überall der Ruf nach einer besseren Bildung. Aber faktisch haben wir es mit einem sehr starren und unbeweglichen Bildungssystem in Deutschland zu tun. Es wird - so die Kritiker viel zu früh ausgesiebt und selektiert. Die Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem ist aus Sicht vieler Kritiker kaum mehr gegeben.
Was tun? Erstens muss man mit Bildung viel früher anfangen. Das erste sogenannte Lernfenster geht mit viereinhalb Jahren auf und es bleibt bei einem eher betreuerischen Ansatz im Kindergartenbereich viel zu oft ungenutzt. In Berlin ist völlig zu Recht immer wieder die Forderung erhoben worden, dass die Kindertagesstätte nicht Betreuungs- sondern Bildungseinrichtung ist. Vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund ist das wichtig, denn der Erwerb von Sprachkompetenz bestimmt in Deutschland besonders stark, wie sich die Bildungskarriere später entwickeln kann.
Der UN Sonderbeauftragte für Bildung Munoz hat kürzlich Deutschland kritisiert, weil Schüler mit Migrationshintergrund bei der Empfehlung für die weiterführende Schule durch die viel zu hohe Bedeutung der Sprachkompetenz strukturell benachteiligt sind. Die Lehrkräfte beziehen bei ihren Empfehlungen oft sogar die fehlende Sprachkompetenz der Eltern in die Entscheidung ein und stellen damit die Weiche dafür, dass Bildungspotentiale nicht adäquat ausgeschöpft werden können.
Hier beisst sich die Katze in den Schwanz. Auf der einen Seite wird dem Erwerb der Sprachkompetenz im frühkindlichen Alter kein genügender Stellenwert eingeräumt oder die Sache dem Selbstlauf überlassen. Auf der anderen Seite wird das selbst produzierte Defizit zur strukturellen Benachteiligung für viele Schüler vor allem mit Migrationshintergrund.
Die Folgen kennen wir. Die Hauptschule wird zur Restschule. Die Schulab-brecherquote steigt und die Berufs- und Erwerbsaussichten schwinden für eine Vielzahl junger Menschen.
Die StreetUniverCity steigt genau hier ein. Ganz im Geiste der Reformpädagogik gibt sie keinen einzigen Schüler verloren, sondern sucht - selbst im Stadium der Verlorenheit auf der Straße - nach ihren Stärken und Talenten. Der soziale Nahraum, die Lebenswelt und die Jugendkulturen werden als Lernwelten in den Blick genommen und gestaltet. Selbstbewusster und kompetenter Umgang mit dem eigenen Umfeld ist die Intention und wird zur Motivation, um sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.
"Wenn keiner mehr hilft, muss man sich selbst helfen." Das könnte das Motto derer sein, die auf diesen originellen Ansatz einer Art "Dritten Bildungsweg" gekommen sind. Die - wenn man so will - älteren Geschwister und jugend-kulturellen Vorbilder, die wissen, wie man im Bildungssystem abstürzen kann, beginnen sich zu organisieren. Auf ihre Weise. Auf der Strasse. An den Rissen und Brüchen drohenden Scheiterns. Und dennoch ganz im Geiste und mit der Energie der Reformpädagogik.
Auch die StreetUniverCity kennt einen Abschluss. Den Street Master. Wer den Street Master einfaehrt macht sich nicht nur auf der Strasse sondern ueberall zum Ueberlebensmeister. Schon heute fluestern es die Spatzen vom Dach. Der Street Master ist mehr Wert als mancher Bildungsabschluss. Hier bekommen Arbeitgeber selbstbewusste junge Menschen, die an sich selbst gearbeitet haben, die rein wollen in die Gesellschaft und das Arbeitsleben und nicht abseits stehen. Es wird die Zeit kommen, da wird so mancher Berliner Unternehmer versuchen, den Street Master nachzuholen, um seine Biografie auf Vordermann zu bringen.
Das Politikum der Bildung ist selber politische Bildung und jeder Mensch ist nicht nur umgeben und betroffen von den politischen Entscheidungen sondern kann sich immer auch politisch zu ihnen verhalten. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat sich in ihrem Bemühen, auch denjenigen eine Chance zu geben, die von dem Bildungssystem und der Politik oft genug enttäuscht wurden, von dem Projekt StreetUniverCity anstecken lassen, glaubt an es und wird es auch weiterhin unterstützen.«